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17Jun/117

Über den Umgang mit Bettlern

Heute, nach der Arbeit, stand ich mit gezücktem Portemonnaie vor dem Schaufenster eines türkischen Spezialitätenhändlers. Ich war nicht sicher, ob ich nicht doch noch etwas Geld für einen Börek, Pide, Ekmek, Simit, Schmurtz oder Schnickschnack rausdrücken sollte. Nach einer anstrengenden Schicht, bin ich finanziell immer etwas lockerer; für sowas geht man ja schließlich arbeiten.
Ein Mann nähert sich mir von der Seite. Er hat lange Haare, einen dem konkurrierenden Bart und schmutzige Kleidung. Mein Hirn rattert,  kategorisiert: Obdachloser, Bettler, vermutlich angezogen von meiner offen präsentierten Brieftasche. Ergebnis: Nichts geben.
"Entschuldigen Sie, dürfte ich Sie kurz ansprechen?", fragt er höflich. Ich ziehe mir die Kopfhörer aus den Ohren und schaue ihn verdutzt an.
"Was? Worum geht es?"
"Ich frage mich, ob sie nicht vielleicht fünfzig Cent für mich hätten?"
Der Mann schaut mich mit ernsten Augen an.

Ich habe eine generelle Regel was Almosen angeht: Erhalte ich etwas, gebe ich etwas.

In diese Kategorie fallen, beispielsweise, Straßenmusikanten. Gefällt mir ihre Musik, spende ich gerne ein wenig Geld; ich kriege die Musik und sie die Unterstützung. Das gleiche gilt für die Verteiler von Straßenzeitungen; meins ist die Zeitung, deins das Geld. Maler, die mit Kreide den Asphalt bemalen. Eine geleistete Performance. Tanz oder auch Akrobatik.
Wer nur mit einem Schild am Straßenrand sitzt, dem spende ich nichts. Wer mir nichts bietet, dem gebe ich keinen Cent.
Ich will kein König sein, der den Gauklern für sein Amusement eine Münze vor die Füße wirft. Aber ich möchte das Gefühl haben, dass die Leute sich das ganze auch verdient haben. Selbst wenn sie es nun versaufen, sollen sie doch - das tut der Rest der Bevölkerung ja schließlich auch. Aber sie haben es sich, wie eben der Rest der Bevölkerung, erarbeitet. Das mag nun nach einer Ausrede klingen, doch, wenn ich aus einer Laune heraus, mein Geld verteilen würde, ähnelte ich diesem wankelmütigen König nicht umso mehr? Würde ich dann nicht den "unfair" behandeln, dem ich gerade nichts gäbe? Wäre die Konsequenz dann nicht, jedem der Bettler, die einem über den Weg laufen, etwas zu geben?

Oberflächlich? Sicher. Aber es erleichtert mir das Leben.

Ich habe dem Mann nichts gegeben. Während sich mein Mund öffnet und die gewöhnte Reaktion freilässt, denke ich, wie freundlich und unaufdringlich der Herr eigentlich agiert. Ich drehe mich weg, um die Fensterfront und vorallem ihn zu verlassen.
"Schade, aber ihnen noch einen schönen Tag.", kommt es ohne Sarkasmus oder Hintersinn von ihm. Mir entfährt ein reflexartiges: "Ihnen auch." Ich fühle mich plötzlich nicht mehr wohl in meiner Haut.

Blöde Selbstsucht. Dämliche Regel.

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Geschrieben von gg_mouse, veröffentlicht am 2011-06-17 um 19:58

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Kommentare (7) Trackbacks (0)
  1. An Selbstsucht kann ich dich wohlmöglich übertreffen. :-/

    Ich werde fast täglich in der Berliner S-Bahn unfreiwillig beschallt und ehrlich gesagt nervt es mich. Habe bisher noch nie etwas gegeben und glaube nicht, dass sich das so bald ändert.

    Zum einen ist da derselbe Gedanke, den du anführst: Wenn ich einem etwas gebe, müsste ich eigentlich allen. Zum anderen ist es der Wunsch, in Ruhe Bahn fahren zu können, was natürlich kolportiert wird, wenn es etwas zu holen gibt.

    Ich halte es insgesamt für keine schöne Situation. Anstatt mittellose Menschen mit Kleinstbeträgen am Leben zu halten(?), sollte lieber die Lebenssituation insgesamt verbessert werden. Ein bedingungsloses Grundeinkommen wäre vielleicht eine Möglichkeit (evtl. gibt es irgendwann einen Artikel dazu).

    Das ist natürlich nicht über Nacht möglich und ich wage zu bezweifeln, dass bei aktueller politischer Vorgehensweise Jahrzehnte ausreichen werden und währenddessen können die Leute ja nicht von Luft leben.
    Dennoch will ich mich nicht solchen oberflächlichen Lösungen hingeben. Ist das kaltherzig?

    Der Beitrag regt mich mal wieder zur Reflektion an. :-/

  2. so eine situation ist wohl jedem von uns bekannt. jeder von uns reagiert anders, doch muss man für solch ein ereigniss eine regel aufstellen?
    wir sind tagtäglich von so vielen zwängen und verhaltensregeln bestimmt, das ich nicht finde diese auch auf begegnungen wie diesen übertragen zu müssen. ich glaube das viele faktoren entscheident sind, ob, oder ob nicht die brieftasche locker sitzt. wenn ich von der arbeit komme, und gerade was verdient habe, bin ich mehr gewillt, etwas zu geben. sollte ich jedoch gerade meine bahn verpasst haben, hat mein gegenüber warscheinlich weniger glück. also denke ich man sollte auf sein bauchgefühl hören, und nicht regeln. dann hat man nach netten verabschiedungen auch kein schlechtes gewissen…
    trotz allem denke ich, das man die menschen die um geld bitten, in welcher hinsicht auch immer, nicht so voreilig als bettler abstempeln muss.
    ich glaube vielen ist eine situation bekannt, wo einem die letzten 50 cent zu einer fahrkarte fehlen, und man irgendeinem unbekannten fragt. und kann es denn nicht sein, das die musiker in der bahn, nicht spielen um zu betteln, sondern des spielens wegen? ich erfreue mich daran zu sehen wie menschen sich auf diese art was dazu verdienen. wenn man solche leute in paris antrifft, ist das romantisch, wenn es in berlin ist, ist es nur lestig.
    oder?

  3. Richtige Reaktion, würdest du jedem “Obdachlosen”, welcher dich nach “ein paar Cents” fragt, auch ein paar Cents geben, hättest du bald selbst nichts mehr in der Tasche. Wenn diese allerdings was dafür tun, also singen, tanzen, malen oder eine Geschichte erzählen, dann bin ich gerne bereit einige Cents da zu lassen, nur leider halten fast alle lediglich die Hand fordernd auf!

  4. Interessant. Die Armen, die “nichts” können, nicht singen, nicht tanzen, uns nicht belustigen, die kriegen dann einfach nichts. Die, die unaufdringlich sein wollen, schweigend an der Ecke sitzen, auf ein paar Cent warten, die uns nichts bedeuten, aber für sie vielleicht wieder ein voller Bauch, oder auch ein pappiges Brötchen… Natürlich löst man damit die Probleme der Menschen nicht, das geht nur anders. Aber für den Moment machen 20 Cent einen enormen Unterschied. “Tja, wenn Du mir was vorgetanzt hättest…aber so…”

    • Aber gibt es nicht gerade für die, die sich nicht “ernidrigen” lassen wollen, die Obdachlosen-Zeitschriften? Gerade die sind doch eine Form der Erwerbsarbeit, eine Möglichkeit, ehrliches, selbstverdientes Geld zu machen.
      Es gibt, von meinem Elfenbeinturm aus gesehen, keinen Grund, der gegen eine solche Form von Tätigkeit spricht.

      (Arh, ich muss mich wieder benachrichtigen lassen, sobald neue Comments reinkommen. Aber wer rechnet auch damit. *g*)

      • Das ist sicherlich eine Option, aber nicht für alle. Es dürfte etwa 300.000 Obdachlose in der BRD geben (manche Zahlen rede vom dreifachen), davon ein nicht unerheblicher Teil mit großen psychischen Störungen. Die Möglichkeit, eine Straßenzeitung zu vertreiben hat nicht jeder (gibts auch einfach nicht in jeder Stadt) und es bringt auch nicht jeder das Mindestmaß an sozialer Kompetenz mit, dies hinzukriegen. Aber eigentlich sind es genau die, die aus jedem Raster rausfallen, die am meisten unsere Unterstützung benötigen, auch weil diese Menschen oftmals nicht mehr in der Lage sind, Hilfsangebote wahrzunehmen. Ich würde auch sagen, dass man dafür keine Regel machen sollte, manchmal gebe ich auch einfach nichts, weil ich gerade knapp bin, in Eile, oder auch einfach schlecht gelaunt. Ich finde nur die Regel, nur denen zu geben, die einem auch was bieten, etwas merkwürdig.

        • Wie ich im Blogeintrag schon angesprochen habe, ist es ja auch ein Problem der Differenzierung. Wievielen Menschen, denen man Geld gegeben hat, versaufen es danach? Wieviele Bettler im Kindesalter sind in Gruppen organisiert? Wieviele haben nicht wirklich eine Behinderung? Wieviele… Kann man nicht wissen, gibt aber sicherlich einen Teil davon. Dieser Teil mag nicht groß sein, aber er bringt mich dazu, mein Geld nicht jedem zu geben. Ich gebe dir insofern Recht, als dass es hilflose Hilfsbedürftige gibt, die Angebote (staatliche, kirchliche, private) nicht annehmen beziehungsweise annehmen können. Aber es ist nicht unsere Rolle (als Passant, nicht als wahlberechtigter Bürger) diesem Problem Abhilfe zu schaffen (was, wie du ebenfalls bemerkt hast, so auch garnicht möglich ist).


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