Über den Umgang mit Bettlern

Heute, nach der Arbeit, stand ich mit gezücktem Portemonnaie vor dem Schaufenster eines türkischen Spezialitätenhändlers. Ich war nicht sicher, ob ich nicht doch noch etwas Geld für einen Börek, Pide, Ekmek, Simit, Schmurtz oder Schnicksachnack rausdrücken sollte. Nach einer anstrengenden Schicht, bin ich finanziell immer etwas lockerer; für sowas geht man ja schließlich arbeiten.

Ein Mann nähert sich mir von der Seite. Er hat lange Haare, einen dem konkurrierenden Bart und schmutzige Kleidung. Mein Hirn rattert,  kategorisiert: Obdachloser, Bettler, vermutlich angezogen von meiner offen präsentierten Brieftasche. Ergebnis: Nichts geben.

“Entschuldigen Sie, dürfte ich Sie kurz ansprechen?”, fragt er höflich. Ich ziehe mir die Kopfhörer aus den Ohren und schaue ihn verdutzt an.
“Was? Worum geht es?”
“Ich frage mich, ob sie nicht vielleicht fünfzig Cent für mich hätten?”
Der Mann schaut mich mit ernsten Augen an.

Ich habe eine generelle Regel was Almosen angeht: Erhalte ich etwas, gebe ich etwas.

In diese Kategorie fallen, beispielsweise, Straßenmusikanten. Gefällt mir ihre Musik, spende ich gerne ein wenig Geld; ich kriege die Musik und sie die Unterstützung. Das gleiche gilt für die Verteiler von Straßenzeitungen; meins ist die Zeitung, deins das Geld. Maler, die mit Kreide den Asphalt bemalen. Eine geleistete Performance. Tanz oder auch Akrobatik.
Wer nur mit einem Schild am Straßenrand sitzt, dem spende ich nichts. Wer mir nichts bietet, dem gebe ich keinen Cent.
Ich will kein König sein, der den Gauklern für sein Amusement eine Münze vor die Füße wirft. Aber ich möchte das Gefühl haben, dass die Leute sich das ganze auch verdient haben. Selbst wenn sie es nun versaufen, sollen sie doch – das tut der Rest der Bevölkerung ja schließlich auch. Aber sie haben es sich, wie eben der Rest der Bevölkerung, erarbeitet. Das mag nun nach einer Ausrede klingen, doch, wenn ich aus einer Laune heraus, mein Geld verteilen würde, ähnelte ich diesem wankelmütigen König nicht umso mehr? Würde ich dann nicht den “unfair” behandeln, dem ich gerade nichts gäbe? Wäre die Konsequenz dann nicht, jedem der Bettler, die einem über den Weg laufen, etwas zu geben?

Oberflächlich? Sicher. Aber es erleichtert mir das Leben.

Ich habe dem Mann nichts gegeben. Während sich mein Mund öffnet und die gewöhnte Reaktion freilässt, denke ich, wie freundlich und unaufdringlich der Herr eigentlich agiert. Ich drehe mich weg, um die Fensterfront und vorallem ihn zu verlassen.
“Schade, aber ihnen noch einen schönen Tag.”, kommt es ohne Sarkasmus oder Hintersinn von ihm. Mir entfährt ein reflexartiges: “Ihnen auch.” Ich fühle mich plötzlich nicht mehr wohl in meiner Haut.

Blöde Selbstsucht. Dämliche Regel.

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