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The Saint – Der Film ohne Wissenschaftlichkeit

Das mit der Schreibmotivation müssen wir noch üben. Ein Schritt in diese Richtung ist dieser Beitrag, in dem eine Filmszene auf ihre Wissenschaftlichkeit geprüft wird. Das ist keine wissenschaftlich fundierte Abhandlung, sondern eine persönliche Ansicht darüber, wie fragwürdig Wissenschaft manchmal dargestellt wird.

The-Saint-Cover
Der Mann ohne Namen trifft auf die Wissenschaftlerin ohne Fakten.

Thema der Betrachtung ist der Film The Saint – Der Mann ohne Namen. Darin wird ein Meisterdieb beauftragt, der Elektrochemikerin Dr. Emma J. Russell die Arbeiten (in dem Fall Formeln) für die bahnbrechende Kalte Fusion zu entwenden, mit der es möglich sein soll, große Energiemengen preiswert und umweltschonend herzustellen. Ob dies tatsächlich möglich ist, sei dahingestellt. Als Prämisse des Films funktioniert diese Darstellung jedenfalls.

Das Unheil nimmt seinen Lauf, als besagter Dieb sich auf einen ihrer Vorträge vor Studenten und weiteren Zuschauern schleicht. Es ist also anzunehmen, dass womöglich alle, wenigstens aber der Großteil der Anwesenden (außer dem Dieb und den realen Zuschauern des Films) vom Fach sind. Dann folgt diese Szene:

Russell: Nun, ich habe keine förmliche Rede vorbereitet. Ähm, mich interessiert viel mehr, äh, welche Fragen sie alle haben, in Bezug auf die Kalte Fusion. Also fangen wir damit an. Haben Sie Fragen? (Blickt rundum in gebannte Studentengesichter.) Bitte?

Student: Ja! Ja, ich habe eine, Dr. Russell. Könnten Sie vielleicht den tatsächlichen Ablauf der Fusion erklären? Die, äh, die Theorie?

Russell: Ja. (Schaut sich suchend um.) Ach, da ist er. (Nimmt eine Glasapparatur in die Hand.)

Bis hierhin war alles harmlos. Die unvorbereitete Rede gehört zur Charakterausgestaltung und stört nicht weiter. Doch dann:

Russell: (Zeigt die Apparatur herum.) Das ist der, äh, der Apparat. Einfach ausgedrückt: Wenn positiv geladene Deuteronen von dieser Palladiumkathode angezogen werden, drängen sie sich dicht zusammen. Dann sind Millionen und Abermillionen in der Kathode und sie kommen sich näher und näher und dann: fusionieren sie. Sie produzieren Energie in Form von Helium.

Das ist nun wirklich ein Witz. Von einer Wissenschaftlerin, die jahrelang an der Verwirklichung dieser Reaktion geforscht hat, sollte man doch mehr erwarten können, als eine Kinderdarstellung, gespickt mit Pseudo-Buzzwords wie “Deuteronen”, “Paladium-“, “-kathode” und “Helium”. Für einen wissenschaftlich unterrichteten Menschen gibt es da nichts Aufregendes zu sehen. Paladium und Helium sind Elemente, Deuteronen sind (hier “positiv geladene”) Wasserstoffatome, die jeweils ein Neutron im Kern mehr besitzen als der übliche Wasserstoff. Und die Kathode ist eine negativ geladene Elektrode, in diesem Fall ein Metallstab, an den Strom angelegt wird.

Das ist alles nicht falsch (innerhalb der Prämisse, dass es überhaupt so funktioniert), aber eben sehr simplistisch, insbesondere da die Kalte Fusion als schwieriges (bis unmögliches) Unterfangen dargestellt wird. Mich würde auch interessieren, was sie mit der “Energie in Form von Helium” meint. (Eine detaillierte Betrachtung würde hier zu weit führen.) Aber weiter im Text, es wird noch schlimmer:

Studentin: Aber ich habe irgendwo gelesen, dass das Experiment nicht wiederholt werden konnte. Woher wissen wir also, dass es funktioniert?

Russell: Das wissen wir nicht. Noch nicht. Aber wenn sie sich an Einstein erinnern: Er wusste, dass seine Relativitätstheorie stimmt, lange bevor er es beweisen konnte. Ich meine, er fühlte die Wahrheit. Und einige von uns fühlen das Gleiche in Bezug auf die Kalte Fusion. Weil es sie gibt! In der Natur. Das ungezügelte, natürliche Energiepotential, das darauf wartet gebändigt zu werden. Und wenn wir dieses Feuer der Kalten Fusion entzünden … ich meine, stellen Sie sich das mal vor: Es steckt mehr Energie in einer Kubikmeile Meerwasser als in allen bekannten Ölreserven der Welt. Sie könnten mit ihrem Wagen 55 Millionen Meilen fahren. Und dazu reichen vier Liter schweres Wasser. Es wäre das Ende der Umweltverschmutzung. Wärme für die ganze Welt.

Das tut weh. Anstelle von Ergebnissen aus Vorversuchen oder theoretischen Berechnungen, gar Simulationen führt sie ein inneres Gefühl an. Das Ganze noch mit einer Einstein-Anekdote belegt und als Sahnehäubchen die Möglichkeiten aufgezählt, die sich aus dem Gelingen der Reaktion ergeben würden. Wer wird davon nicht sofort überzeugt, dass es funktionieren muss? Die Natur kann nicht so fies sein, den Menschen diese Lösung auf dem Silbertablett vorzuenthalten.

Dr. Emma Russel (Film: The Saint)
Sorry, Dr. Russel, aber Gefühle und Anekdoten reichen nicht.

Der Enthusiasmus, mit dem sie insbesondere die sich ergebenden Möglichkeiten vorträgt, zeigt natürlich, dass sie für ihre Arbeit brennt. Das ist einer der schönsten Treiber, den es in der Wissenschaft (und vermutlich jedem Beruf, gar jeder Aktivität) geben kann. Und diesen Funken in Vorträgen zu vermitteln, halte ich für sehr wichtig, je nach Publikum sogar wichtiger als die Details der Vorgänge. Aber man sollte nicht einfach auf Gefühle verweisen, um zu zeigen, dass es sich nicht um Hirngespinnste handelt, sondern um Tatsachen. Vermutlich sollte das “Weil es sie gibt!” ihre Überzeugung unterstreichen, aber es wirkt doch sehr dogmatisch, zumal sie nicht weiter ausführt, inwiefern es die Kalte(!) Fusion in der Natur geben soll. Dafür ein oder zwei Beispiele zu nennen wäre doch sicher kein Problem gewesen.

Beim Schreiben dieses Textes fiel mir weiterhin auf, dass der folgende und letzte Absatz der besprochenen Szene einen Bruch darstellt. Es folgt:

Russel: Ich möchte Ihnen jetzt einmal demonstrieren, weshalb andere Forscher in der Vergangenheit so erfolglos waren. (Geht an das Ende des Raumes und zieht eine Tafel mit Formeln ins Sichtfeld.) Sie benutzten sehr komplexe … (Umblendung zur nächsten Szene.)

Sie hat sich wie gesagt nicht vorbereitet, es steht aber eine Tafel mit Formeln bereit. Die Szene blendet um, daher ist nicht bekannt, ob sie das Geschmiere abwischt, um ihre eigenen Ergebnisse anzuschreiben, aber es wirkt doch vergleichsweise durchplant. Viel stärker überrascht mich aber das Thema an sich: Sie möchte plötzlich doch Bezug darauf nehmen, warum andere keinen Erfolg hatten. Anscheinend dachten sie zu kompliziert, wo doch alles so einfach ist, wie wir zuvor hören durften.

Dieser letzte Abschnitt mildert die vorige Plumpheit etwas ab, aber fragwürdig bleibt der Bezug auf das “Gefühl” trotzdem. Ich finde es beschämend, dieser (gemäß dem Film) genialen Wissenschaftlerin solche Worte in den Mund zu legen. Enthusiasmus ist gut und schön, aber bitte führt es nicht als Begrüdung an, dass etwas funktionieren muss. Natürlich können die Autoren, Regisseure und wer sonst noch nicht die komplette Lösung für ein solches Problem in einem fiktiven Film präsentieren. Und das Publikum (einschließlich mir) würde durch überschwängliche Korrektheit womöglich die Lust verlieren, den Film zu sehen, wenn Fachwörter geworfen und Theorien erläutert werden. Aber ein solches Runterkochen bis zur Absurdität muss trotzdem nicht sein.

Zum Schluss sei noch erwähnt, dass mir der Film trotz dieser Szene (und einiger weiterer wissenschaftlicher Ungereimtheiten) sehr gut gefällt. Ein spannender Action-Thriller-Liebesfilm, bei dem keine Langeweile aufkommt. Ich kann ihn sehr empfehlen, sofern man Szenen wie die beschriebene erträgt.