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Weihnachtsstimmung im Ausverkauf

Als ich dieser Tage in der Stadt unterwegs war, um ein wenig Kram einzukaufen, tönte mir Weihnachtsmusik in kräftigen Wellen entgegen. Durch die verwinkelten Gassen Bremens verzerrt und halb von menschlichem Lärm überdeckt, klang “Merry Christmas” wie ein Parodie auf sich selber. Menschen quollen aus einem Laden, nur um sich in den nächsten hineinzustürzen. Der Geruch nach Zimt vermischte sich mit dem von Döner Kebap. Eine Obdachlose klammerte sich an ein Pappschild – “Ich habe Hunger”. Ein abgetrennter Elchskopf thronte über einem Bratwurst-Stand und schaukelte im Takt der Massen.

Es gibt wenige Dinge, bei denen ich strickt bin. Wenige Sachen, bei denen ich tatsächlich mal eine Linie fahre. Dazu gehört Weihnachten und der damit verbundene Ausverkauf einer Tradition. Wenn ab Oktober die Kürbisse aus dem Fenster fliegen und gegen Schoko-Weihnachtsmänner ausgetauscht werden, kann ich einfach nicht hingucken. Ich kaufe keine Weihachtsartikel vor dem ersten Advent und esse ebenso keine Lebkuchen solange die ach-so heilige Zeit noch nicht eingeläutet wurde. Nicht weil ich gläubig wäre, oder mir Weihnachten sonderlich viel bedeuten würde. Ich mochte die Familienfeiern als Kind nie sonderlich und Geschenke zu besorgen ist auch nicht gerade mein Fall. Aber es ist der enorme Konsumterror, der mich schon als Jugendlicher störte. Ich mochte die Stände mit Weihnachtsartikeln nicht, die schon im Spätherbst die Supermärkte verstopfte. Es zerstörte mir einen Teil der wenigen Vorfreude, die ich überhaupt besaß. Heute ist das nur extremer geworden. Jetzt wohne ich im Gegensatz zu früher direkt in einer Großstadt, umgeben von Konsumtempeln.  Früher hat mir der Troubel in den Kaufhäusern nichts ausgemacht, der Ausflug dorthin war für mich etwas besonderes. Aber nun, so häufig damit konfrontiert, springt mich jedes Werbeschild an als würde es mich persönlich beleidigen wollen. Ich komme damit nicht klar. Die Straßen sind überfüllt, und die Läden noch mehr. Jeder kauft, weil “kaufen” ja zu Weihnachten gehört. Die zahllosen Bettler, die nun scheinbar vermehrt die Bordsteinkanten säumen, wippen auf der Stelle um die Kälte zu vertreiben. Ich kann diesen Kontrast kaum verarbeiten, nur verdrängen.

Meine Tour durch die Geschäfte beendete ich vorzeitig, ohne ein Geschenk zu kaufen. In den Händen hielt ich nur eine Ausgabe der “Asphalt”, einer Straßenzeitung. Die erste die ich je gekauft habe. Mein Gewissen brauchte einen Ausgleich und der war für nur 1,60 zu haben. Die nötigen Weihnachtsgeschenke werden über Amazon bestellt.

“Nicht vergessen, am 6. Dezember ist Nikolaus!”, steht auf einem ein Werbeplakat für den Schoko-Shop Hussle am Bahnhof. Danke, ich hätte es vermutlich nicht gemerkt.