Monthly Archives: April 2011

SpaceChem

Review: SpaceChem

Willkommen in der Zukunft!

SpaceChem-Story

Die Handlung von SpaceChem wird in bildschirmfüllenden Texten erzählt. Zu Beginn haben sie wenig mit den Missionen zu tun.

Wir schreiben das 28. Jahrhundert, mindestens. Schon über 3000 Planeten sind besiedelt und der Spieler befindet sich auf seinem interstellaren Weg zu einem solchen, um dort als junger Ingenieur beim Megakonzern SpaceChem die Grundlagen der chemischen Rohstoffproduktion und -verarbeitung zu lernen. Nachdem die Begrüßung der Vorgesetzten den Gedanken an die weinende Mutter auf dem Heimatplaneten davonwischt, wird schnell klar, dass SpaceChem seinem düsteren Branchenbild gerecht wird. Man munkelt von ungeklärten Unfällen, während die Ausbilder sich taub stellen.

All dies wird dem Spieler in bildschirmfüllenden Prosatexten vermittelt. Da das auf Dauer sehr öde wäre, wird die Geschichte durch das eigentliche Spiel unterbrochen, das vor allem in den ersten Leveln eher als getrennt von der Story angesehen werden kann. Die Spielmechanik wird in den Leveln selbst ebenfalls durch – jedoch deutlich handlichere – Textboxen erläutert und in guter Tutorialmanier mit blinkenden Feldern und den geduldig auf die korrekte Aktion wartenden Lehrtexten begleitet. Das ließe sich sicherlich noch besser lösen, erfüllt aber in jedem Fall seinen Zweck.

What are you doing!?

SpaceChem ist einer der Hauptlieferanten für die chemische Industrie der Zukunft. Die Ressourcen auf den bewohnten Planeten sind (vermutlich) zuneige gegangen, also müssen andere ausgebeutet werden. Methan-Seen und fast nur aus Stickstoff bestehende Atmosphären bieten sich für die Gewinnung an, doch möchte man auch andere Produkte wie Ethan, Acetonitril oder Blausäure gewinnen. Anstatt wie noch im rückständigen 21. Jahrhundert mühsam die chemischen Reaktionen sich selbst zu überlassen und vor allem durch die Reaktionsbedingungen oder Katalysatoren zu beeinflussen, nutzt SpaceChem ein Reaktorverfahren, bei dem die Atome direkt manipuliert und Bindungen gelöst und geschaffen werden.

Die Aufgabe ist also, ankommende Moleküle zu bewegen, Bindungen zu brechen und zu bilden, um die gewünschten Produkte anschließend in Raumfrachter zu verladen. Was für den Chemieentgeisterten bereits wie der Versuch klingt, Folter als Dienstleistung anzubieten, ist tatsächlich ein sehr unterhaltsames Logikspiel, das keinerlei chemische Kenntnisse voraussetzt.

Chemie für den Hausgebrauch

SpaceChem-Reaktor

Hier wird Kohlenmonoxid in Kohlenstoff und Sauerstoff zerlegt. Der blaue Waldo wartet, dass der rote auf das SYNC-Symbol trifft.

Die Reaktoren sind alle gleichermaßen in einem 10×8 Felder großen Brett aufgebaut: Auf der linken Seite befinden sich zwei 4×4 Felder große Bereiche, an denen die Edukte (α und β) ankommen. Auf der rechten Seite dasselbe für die auszuführenden Produkte (ψ und ω). Dazwischen liegt noch ein zwei Felder breiter Streifen. Es stehen nun zwei so genannte “Waldos” (rot und blau) zur Verfügung, die auf vom Spieler festgelegten Routen entlang fahren und beim Überfahren darauf platzierter Icons bestimmte Aktionen ausführen.

Im einfachsten Fall hat man einen im Rechteck laufenden Waldo, der erst ein Edukt herbeiruft (IN α), dieses aufnimmt (GRAB), zum Produktbereich befördert (Pfeile), dort ablegt (DROP) und abholen lässt (OUT ψ). Wenn dabei nichts vergessen wurde, kann man auf Play drücken und den Transport in Aktion sehen. Sobald es zu langweilig wird, immer wieder denselben Ablauf zu beobachten, hilft die letzte von drei Spulstufen, um die Zeit bis zum Füllen des Frachters (oder einem Problem) zu beschleunigen.

SpaceChem-Reaktor 2

Von Methan drei Wasserstoffatome abzutrennen, ohne dass sie gegeneinanderstoßen, ist eine anspruchsvolle Aufgabe.

Dieses simple Prinzip kann sehr schnell erweitert werden. Wenn molekularer Wasserstoff (H-H) vorhanden ist, aber atomarer Wasserstoff (H) gefordert wird, muss die Bindung gebrochen werden. Dafür können bis zu vier in jedem Reaktor vorhandene Bonder genutzt werden. Befinden sich zwei verbundene Atome auf Feldern mit Bondern und ein Waldo fährt über das entsprechende Symbol (BOND -), wird die Bindung aufgehoben. Analog kann man unverbundene Atome auch verbinden (BOND +). Das ganze auf Stickstoff (N2) übertragen gibt das nächste Problem, denn dieses Molekül hat eine Dreifachbindung, sodass dreimal das Bruch-Icon in Aktion treten muss.

Probleme können dabei etwa Kollisionen der Atome mit anderen Atomen oder auch den Reaktorwänden machen. Da ist vor allem Timing gefragt. Glücklicherweise gibt es auch dafür den passenden Befehl (SYNC). Fährt ein Waldo darauf, wartet es an Ort und Stelle, bis das andere Waldo ebenfalls ein solches berührt. Generell ist das Koordinieren beider Waldos das A und O des Spiels. Pro Feld kann für jeden Waldo je eine Richtung und eine Aktion festgelegt werden. Im schlimmsten Fall befinden sich auf einem Feld also vier Symbole und es muss darauf geachtet werden, dass nicht zwei Atome tragende Waldos gerade dort aufeinandertreffen.

Mach mal was anderes

Mit jedem Level werden die Anforderungen komplizierter. Aber jedes Mal wenn man meint, jetzt ginge es mit immer komplizierteren, aber trotzdem gleichen Aufgaben weiter, überrascht das Spiel mit der Einführung neuer Spielelemente. Wird man in den ersten Leveln noch direkt im Reaktor abgesetzt und muss “nur” die Reaktion zum Laufen bringen, gibt es später zunächst keinen Reaktor, sondern eine Karte mit einem Ausschnitt des Planeten. Darauf befinden sich links z. B. Methan- und Stickstoff-Pumpen und rechts Frachter, die mit bestimmten Molekülen befüllt werden möchten.

SpaceChem-Karte

Aus Stickstoff und Methan sollen Acetonitril und molekularer Wasserstoff hergestellt werden. Da braucht man mehrere (verfallende) Reaktoren und Pipelines auf der Planetenkarte.

Zur Lösung sind nun selbst Reaktoren zu platzieren und Leitungen zu legen, um aus den Rohstoffen die Produkte zu fertigen. Da jeder Reaktor maximal zwei Ein- und zwei Ausgänge hat, kann dies zum Teil nicht in einem Schritt erledigt werden. Da heißt es, sich Produktionsreihen zu überlegen und dabei die festgelegte Zahl an Reaktoren nicht zu überschreiten. In der Demo des Spiels werden maximal vier Reaktoren gleichzeitig eingesetzt, die natürlich ebenfalls selbst mit den Befehlen auszustatten sind.

Neben veralteten Reaktorentypen, die nur Bindungen brechen oder erschaffen können, fährt in einer späteren Aufgabe (storyrelevant!) ein riesiges Roboterfahrzeug auf die lokale SpaceChem-Zentrale zu. Es kann nur aufgehalten werden, wenn drei Sauerstofftanks neben der Fahrbahn mit Methan gefüllt werden, um im richtigen Moment zu explodieren. Und wieder verändert sich das Spielgefühl, auch wenn das Handwerkszeug das gleiche bleibt. Gerade diese Vielfalt hält einen an der Stange und lässt die logistischen Albträume Herausforderungen überstehen.

“Und was lernt uns das?”

SpaceChem ist ein brilliantes Logikspiel, das mit seiner Thematik auch noch die Glanzleistung vollbringt, ohne chemisches Wissen zu verlangen, solches nebenbei ein wenig zu vermitteln. Der Spieler muss nicht wissen, wie Acetonitril aussieht oder wofür es gut ist. Das Spiel gibt ihm alle lösungsrelevanten Informationen selbst und darüber hinaus noch ein paar allgemeine. Etwa, dass Ethan leicht entzündlich und Blausäure hochgiftig ist, aber beide für die organische Synthese wertvoll sind. Selbst ein Periodensystem steht immer zum Abruf bereit – nicht zuletzt, da es in den fortgeschrittenen Missionen auch zur Umwandlung von Elementen ineinander kommt. Alchemie (und  Kernphysik) lässt grüßen.

Ich betone, dass dieses Spiel kein Lehrspiel ist. Weder muss das Periodensystem auswendig gelernt werden, noch werden Reaktionsmechanismen abgefragt. Es ist einfach eine wunderbar erweiterte Version alt bekannter Minispielprinzipien, in denen man etwa Wasserrohre verlegen musste, bevor das kühle Nass am Ende angekommen war (siehe das Hacken in Bioshock). Der chemische Anstrich gibt nochmal einen besonderen Bonus, insbesondere da grundlegende Dinge korrekt dargelegt werden: Wasserstoff und Fluor bilden jeweils nur eine Bindung, Kohlenstoff hingegen bis zu vier; Benzen (Benzol) besteht aus einem Sechs-Kohlenstoff-Ring mit alternatierenden Doppel- und Einfachbindungen und je einem Wasserstoff- pro Kohlenstoffatom.

The ‘fishcake’ is a lie

Auch wenn die Geschichte nur spärlich erzählt wird (alle paar Level wird ein neuer Text freigeschaltet), so kann sie doch genug Interesse wecken, um nicht völlig irrelevant zu werden. Insbesondere wenn die Mission wie im Falle des Roboterfahrzeugs direkt mit der Handlung zu tun hat, wird die geschaffene X-topie erlebbar. Ergänzt wird das Ganze durch die üblichen Mysterien: Was für Unfälle sind geschehen und warum? Warum und was vertuschen die Vorgesetzten? Handelt es sich um Sabotage und welche Rolle spielt SpaceChem dabei? Und wartet am Ende wirklich ein großer ‘fishcake’?

SpaceChem-Statistiken

Nach jedem Level gibt es eine Statistik, wieviele Zyklen, Reaktoren und Befehl-Symbole benötigt wurden und der Vergleich zu anderen Spielern.

Letztlich sind aber die kniffligen Aufgaben das Spaßentscheidende, die selbst nach ihrer Lösung noch Herausforderungen bieten. So wird nach Abschluss jedes Levels eine Statistik angezeigt, wieviele Zyklen (die elementare Zeiteinheit), Reaktoren und Icons man verbraucht hat und wo man damit in der Gemeinschaft der SpaceChem-Spieler steht, übersichtlich in Diagrammen dargelegt. Das motiviert zur Optimierung der eigenen Kreationen und erweitert die Spielzeit noch mehr.

Ich empfehle jedem, der auch nur ein wenig mit Logikpuzzlen anfangen kann, die Demo (für Windows, Mac oder Linux) zu testen. Sie hat 19 Level und beinhaltet fast alles, das hier dargelegt wurde. Falls man sich das Spiel danach für 15 $ kaufen möchte (PayPal möglich), wird der Spielstand erwartungsgemäß übernommen und man kann direkt weiterspielen. Mir ist es das jedenfalls Wert.

Viel Spaß!