Monthly Archives: May 2012

The Walking Dead

Review: The Walking Dead, Episode 1

The Walking Dead wird in einzelnen, in monatlichem Abstand veröffentlichten, Episoden realisiert. Für den Moment sind 5 Episoden geplant, welche eine Staffel und damit einen abgeschlossenen Handlungsbogen ergeben. Zu kaufen gibt es die Staffel auf dem PC nur als Komplettpaket über Steam oder die Entwickler Telltale Games selber, auf den Konsolen hingegen sind die Episoden auch einzeln über die jeweiligen Online Stores zu erwerben.

Kontext der lebenden Toten

So gespielt:

auf dem PC mit Xbox 360 Controller und englischer Sprachausgabe.

Telltale Games ist unter Spielern dafür bekannt, als einzige amerikanische Adventureschmiede mit Spielen wie Sam & Max oder Zurück in die Zukunft die Flagge aufrecht zu halten. The Walking Dead wiederum ist unter Zombie-Fans bekannt als eine blutige Graphic-Novel-Serie mit Zombies. Beides Dinge, die auf mich eine erhebliche Anziehungskraft ausüben, weshalb ich mir den ersten Teil des The-Walking-Dead-Videospiels von Telltale Games angeschaut habe.

Ein Schlechter Tag für Lee

Lee Everett hat nicht viel Glück. Er sitzt in Handschellen in einem Polizeiwagen auf dem Weg aus Atlanta hinaus und muss sich von seiner Wache allerlei Geschwätz anhören. In einem unachtsamen Moment auf dem Highway überfährt dieser einen Passanten und das Auto landet nach einem Überschlag in der Böschung. Lee kann sich benommen aus dem Wrack befreien und nimmt der toten Wache den Schlüssel für die Handschellen ab. Leider beginnt für ihn nun der schlechte Teil seines Tages:

Lee Everett und Statisten

Diesen Gesichtsausdruck macht Lee des Öfteren.

Der Polizist scheint das mit dem Sterben nicht ganz so genau zu nehmen und versucht Lee an- zuknabbern. Mit dem Gewehr des Beamten befreit sich Lee von ihm, stellt aber fest, dass sein Schuss noch mehr der wandernden Leichen angezogen hat. Lee flüchtet sich in ein verwüstetes Haus und während er sich noch fragt, was dort passiert ist, weiß der versierte Spieler bereits mehr: Mister Everett ist in einer waschechten Zombie-Apokalypse gelandet.

Überleben unter Untoten

Wie die meisten erzählerischen Werke mit den lebenden Toten dreht sich auch The Walking Dead nicht primär um die hirnlosen Hirnfresser. Vielmehr werden sehr unterschiedliche Figuren in einer Extremsituation an den Rand ihrer Menschlichkeit gebracht und der Zuschauer freut sich auf den unausweichlichen Knall, mit dem das ganze enden wird. The Walking Dead ist hier nicht anders. Der Cast umfasst von einem kleinen Mädchen bis hin zu einem alten Mann viele sehr diverse Charaktere und jeder einzelne hat eine ausgefeilte Hintergrundgeschichte, die ab und zu durchscheint. Dabei ist sich das Spiel aber auch nicht zu schade, immer mal wieder eine der Figuren zu opfern, um den allgemeinen Drama-Level aufrecht zu halten. Wer dabei das Zeitliche segnet, hängt häufiger auch von den Entscheidungen des Spielers ab.

The Walking Dead - Entscheidungen sind wichtig

Im Verlauf dieser ersten Episode finden sich zu mehreren Zeitpunkten solche Scheidewege in der Handlung, wobei der weitere Pfad sowohl durch einfache “Ja – Nein”-Entscheidungen, als auch durch subtilere Mittel, wie den Verlauf eines Gesprächs, bestimmt wird. Diese Pfade sollen laut den Entwicklern Auswirkungen auf die späteren Episoden haben. Bereits in dieser Folge ist davon einiges zu spüren; im Kleinen erinnern sich Charaktere an die vom Spieler getroffene Aussagen. Im Großen sind sie gar nicht mehr am Leben, um dies zu tun.

BRRAAAAINS! (Nimm ruhig, werden eh nicht benötigt.)

Dialoge in The Walking Dead

Wer nun lügt oder schweigt, wird von Hershel schief angeguckt.

Die meisten dieser Entscheidungen werden über das Dialogsystem adressiert, welches an Spiele wie Mass Effect, Fahrenheit oder Alpha Protocol erinnert. Hierbei werden eine bis vier Antwortmöglichkeiten gegeben, wobei sich der Spieler in manchen Situationen schnell für eine Variante entscheiden muss. Reagiert er nicht rechtzeitig, wird das von den Gesprächspartnern als Schweigen gewertet.
Ansonsten spielt sich The Walking Dead wie eine Mischung aus den eher klassischen Adventures von Telltale Games (Sam & Max, Monkey Island) und dem letztjährigen, eher misslungenem Jurassic Park. Der Spieler wird je nach Abschnitt in einen von zwei verschiedenen Modi geworfen: Auf der einen Seite hat er in ruhigeren Augenblicken die volle Kontrolle über die Bewegungen von Lee und kann einen Ort sorgfältig mit dem Cursor untersuchen und mit anderen Überlebenden interagieren. In gefährlicheren Szenarien hingegen, wird die Bewegungsfreiheit stark eingeschränkt und auf keinen bis wenige anklickbare Hotspots begrenzt. Nun heißt es aufpassen, da ein falscher Tastendruck oder ein zu langes Zögern oft zum (meist brutalen) Tod von Mister Everett oder anderen Figuren führt. Diese beiden Szenarien werden im Verlauf der ersten Episode häufiger abgewechselt und halten den geneigten Spieler vor dem Bildschirm.

Zombies auf der Farm

Farm-Simulator 2012 – Neue Umweltkatastrophe: Zombies.

Während schon die bisherigen Telltale-Titel nicht unbedingt die forderndsten Spiele unter den Hirnknackern waren, verabschiedet sich The Walking Dead fast gänzlich von jeder spielerischen Herausforderung. Ein Inventar gibt es nicht mehr, die wenigen einsackbaren Gegenstände lassen sich nur an den vorherbestimmten Orten benutzen. Allerdings können dies auch mal mehrere verschiedene Plätze sein und die Benutzung mag mehr oder weniger erfolgreich sein, beziehungsweise Auswirkungen auf den Verlauf des Geschehens haben.
Diese Faktoren machen das Spiel mehr als alles Andere zu einer interaktiven Geschichte, als denn zu einem Adventure. Das schadet The Walking Dead jedoch keinesfalls, nur wer Telltale-Games-Standardkost erwartet, könnte anfangs enttäuscht sein.

Der T(elltale)-Virus

Was regelmäßige Kunden von Telltale Games wiederum gut kennen, ist die angefressene Technik. Der an den Comic erinnernde Grafikstil kaschiert hier nur teilweise: Während die Charaktermodelle, trotz vieler Ecken und Kanten, noch schön anzusehen sind, verschwimmen die meisten Hintergrundtexturen und -objekte in einem gleichmäßigen Brei. Die Animationen sind ebenso nicht überragend, stören aber auch keinesfalls. Lediglich der Hauptcharakter Lee neigt etwas zu sehr dazu, die Augen aufzureißen.
Auch im Bereich Sound torkelt The Walking Dead zwischen gut und schlecht herum. Passende und gute (bislang nur englische) Synchronsprecher werden durch Datei-Kompression stellenweise abgehackt oder dumpfer als nötig präsentiert und in manchen Momenten scheinen gar Soundeffekte zu fehlen. Leider stören auch gerade zu Beginn des Spiels kurze Ladepausen, samt hässlichem Ladebildschirm, häufiger den Spielfluss.

Ladebildschirm

Den niedrig-aufgelösten Ladebildschirm gibt es anfangs leider häufiger zu sehen.

Die Atmosphäre des Spiels wird dadurch glücklicherweise wenig beeinflusst. Den Eindruck einer Zombie-Apokalypse mitsamt dem passenden Druck und der Anspannung zu erzeugen, gelingt Telltale Games erfolgreich. Ebenso löst eine überstandene Situation Erleichterung oder Freude aus. Einige Momente während des Spielens sorgten sogar für Mitgefühl und Traurigkeit, was für eine Geschichte wohl die höchste Auszeichnung ist.

Kopf ab, Klappe zu

Rostiges Fluchtauto

Das wird keine Fahrt in den Sonnenuntergang.

Für momentan knapp 25€ gibt es die erste Staffel vom The Walking Dead-Videospiel zu erstehen. Bei ungefähr 2 Stunden Spielzeit für jede der 5 Folgen sind das 5€ Einzelpreis. Das ist weniger als ein Zombie-Flick im Kino oder zum Erwerb kostet – und dazu ist, zumindest diese erste Episode, noch besser als die meisten davon.
Hinzu kommt für Fans des Comics nicht nur der Aha!-Effekt, bei bekannten Orten oder Personen, sondern auch noch die Tatsache, dass die Geschichte der Staffel als Canon für die Comic-Handlung gesehen wird. Telltale Games liefert also Figuren in Extremsituationen, rausquellende Gedärme, Emotionen und natürlich einen Haufen Untoter. Was kann man sich von einer Apokalypse schon mehr wünschen?